Koloniales Erbe: Wohin mit Afrikas Schätzen? (2021)

Erstausstrahlung: 24.04.2021, DW
26 min.

Das Humboldt Forum, Deutschlands größtes Kulturprojekt, wird seit Dezember 2020 Schritt für Schritt eröffnet, als Ort des Dialogs, der neben Ausstellungen zur Berliner Stadtgeschichte auch das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst beherbergt. Doch statt angeregter Diskurse werden seit längerem aufgeheizte Debatten geführt. Im Fokus: die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Denn an manchen Objekten, die in der Kolonialzeit erworben wurden, klebt Blut. Was heißt das für die im Aufbau befindliche Ausstellung im Humboldt Forum? Und überhaupt: Wie soll mit solchen Sammlungsstücken umgegangen werden?

Inmitten dieses Dilemmas, zwischen Raubkunstdebatte, Provenienzforschung und Ausstellungskonzeption, steht Jonathan Fine, Leiter des Ethnologischen Museums. Kultur.21 begleitet ihn bei seiner Arbeit und auf einer Reise nach Kamerun. Jonathan Fine arbeitet zunächst als Kurator für Westafrika, Kamerun, Gabun und Namibia, dann als Leiter des Ethnologischen Museums an den Staatlichen Museen von Berlin. 2017 ist er mitverantwortlich für die Ausstellung “Unvergleichlich”, die afrikanische Kunstwerke aus dem Ethnologischen Museum Skulpturen aus der Sammlung des Berliner Bode-Museums gegenüberstellt.

Im selben Jahr reist er auch nach Kamerun, auf den Spuren eines der herausragendsten Objekte der Ethnologischen Sammlungen, dem “Thron von Bamum”, und auf der Suche nach Antworten: Wie kam er nach Deutschland? Handelte es sich um ein diplomatisches Geschenk an den deutschen Kaiser oder um eine erzwungene Geste der Unterwerfung? Ist der Thron ein Fall für Restitution? Wenn es nach dem kamerunischen Kurator und Kunstkritiker Bonaventure Ndikung ginge, dann müsste Deutschland im Gegenzug ein wichtiges Werk herschenken – als wahren Akt der Diplomatie.

Ein anderes Forschungsprojekt, das Jonathan am Humboldt Forum initiiert hat, beschäftigt sich mit der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia. Erst 2016 hat die Bundesrepublik den Völkermord an den Herero offiziell anerkannt. Das koloniale Erbe, die geraubten Schätze, lagern immer noch in deutschen Museen und ihren Depots. In Kooperation mit der „Museums Association of Namibia“ wurden 1.400 Objekte der Berliner Sammlung erforscht, ihre Geschichte, Bedeutung und ihr künstlerisches Potenzial aufgearbeitet. Immerhin 23 Objekte der Sammlung wurden nach Namibia zurückgeschickt, wenn auch vorerst nur als Leihgabe. Die renommierte namibische Modedesignerin und Kostümbildnerin Cynthia Schimming, die an dem Provenienzforschungs-Projekt beteiligt war, fordert die bedingungslose Rückgabe. 

Und genau darum geht es auch bei den brisantesten und bekanntesten Stücken der Berliner Sammlung, den sogenannten „Benin Bronzen“. Die Meisterwerke aus dem ehemaligen Königreich Benin stammen aus einer Palastplünderung, die britische Truppen im Rahmen einer kolonialen Strafaktion 1897 in Benin City im heutigen Nigeria durchführten. Anschließend brachten sie die Beutestücke in den Kunsthandel.

Sie sind zum Prüfstein dafür geworden, ob das Humboldt Forum tatsächlich neue Wege beschreiten und einen kulturellen Austausch auf Augenhöhe wagen will. Ein Teil der Bestände aus Benin wird restituiert – seit Frühjahr 2021 beschlossene Sache, ein anderer Teil soll aber im Humboldt Forum zu sehen sein. Wie lassen sich diese belasteten Objekte angemessen ausstellen?

Ethnologische Museen müssen heute verständlich machen, wie unsere Vergangenheit in die koloniale Geschichte eingebettet ist, sagt Jonathan Fine: „Ich denke, es wäre ein Erfolg, wenn wir die Idee eines Forums beim Wort nehmen und das Humboldt Forum nicht als einen Ort betrachten, der uns Antworten auf unsere Fragen gibt, sondern an dem wir Fragen über die Vergangenheit und die Gegenwart stellen können, an dem ein breiteres Spektrum von Stimmen, Meinungen und Perspektiven zu diesen Fragen zu Wort kommen können. Nur so können wir meines Erachtens zu einem Verständnis kommen und für uns selbst Antworten darauf finden, was 500 Jahre europäische Kolonialgeschichte für die Welt, in der wir leben, bedeutet haben.“ (Text: DW)

Regie: Dag Freyer
Schnitt: Philip Kießling